Die angeblich dritte Hitzewelle dieses Sommers in Italien erreicht ihren Höhepunkt. Gestern lag die Tageshöchsttemperatur bei 38°, heute um 14 Uhr zeigt das Thermometer 36°, da ist noch mehr drin. Gefühlt ist es einfach seit mehr als sechs Wochen zu heiß, zwischen 35 und 38°, dazwischen einzelne wenige etwas kühlere Tage, aber nie unter 30°. Die drei Hitzewellen erscheinen eher wie eine lange … Die Zeitungen erklären uns, das altbekannte Azorenhoch, das über viele Jahre Italien das Sommerwetter bescherte, das halb Europa in Italien urlauben ließ, sei von einem ebenso stabilen Afrikahoch abgelöst worden, das uns diese Hitze schickt, die auch noch bis in den August hinein bleiben soll.
In meinem Häuschen ist es tagsüber unerträglich und ich bin damit nicht alleine. Viele Menschen erzählen, das sie 30° und mehr in ihren Wohnungen haben. Hier bei uns auf dem Land hat es bis vor kurzem wenigstens noch in der Nacht etwas abgekühlt, die letzten Tage erleben auch wir die sogenannten Tropennächte. Mein Häuschen hat dicke Steinmauern, vom Alpenraum kenne ich, dass Steinhäuser immer kalt sind. Die meisten Häuser hier sind allerdings aus dem vulkanischen Tuff gebaut. Kürzlich hat mir jemand erklärt, dass der Tuffstein die Wärme speichert um sie dann an den Raum abzugeben. Praktisch im Winter, wenn das Zimmer noch warm bleibt, auch wenn das Feuer im Ofen schon ausgegangen ist. Im Sommer leben wir dann allerdings alle im Inneren eines Kachelofens. Nach 6 Wochen helfen dann auch tagsüber geschlossene Fensterläden nicht mehr viel. Sogar die kleine Kirche bei uns im Ort, die auch aus Tuffsteinen gebaut ist, fühlt sich an wie ein Backofen. Daran erkennt man, dass auch die südlicheren Länder nicht immer gut auf die Klimaerwärmung vorbereitet sind …
Blöd gelaufen, könnte man sagen, das Wetter das ich mir vom Umzug nach Italien erwartet hatte, ist dem Klimawandel zum Opfer gefallen. Ich müsste da natürlich nicht sein, könnte auch zurück gehen. Aber der Klimawandel hat ganz Europa im Griff. Hitzewellen bis hoch in den Norden, danach exzessive Regenfälle, Gewitter, Hagel, Überschwemmungen, Wassermangel bis hin zu Dürren, der Grundwasserspiegel in großen Teilen Europas hat ein Minimum erreicht. In Spanien und Frankreich brennen die Wälder, eine Studie hat ergeben, dass diesen Sommer schon 16.500 Menschen durch die Auswirkungen des Klimawandels gestorben sind, und das nur in den Städten. Und es spricht alles dafür, dass das auch in den folgenden Jahren so bleiben wird. Wir kommen da nicht mehr raus, kein sicherer Ort, nirgends.
Ich muss daran denken, dass noch vor wenigen Jahren Klimaaktivist*innen, besonders jene der Letzten Generation, massiv kriminalisiert wurden, als „Terrorist*innen“ gebrandmarkt – weil sie den Autoverkehr blockierten …
Wirtschaftswachstum um den Preis von Menschenleben
Und ich lese auch heute wieder über das in Bau befindliche Datenzentrum in Oberösterreich und den wachsenden Widerstand dagegen. Datenzentren brauchen enorme Mengen an Energie und Kühlwasser und sie heizen ihre Umgebung um bis zu 9° auf, also genau das, was wir gerade am wenigsten brauchen können. Aber ja doch, wir brauchen Datenzentren, wenn wir es mit europäischer Datensouveränität ernst nehmen und wettbewerbsfähig bleiben wollen, heißt es. Und ja, da haben wir ein Problem. Ebenso haben wir ein Problem, wenn wir die Rüstungsindustrie ankurbeln müssen, um unsere Sicherheit zu garantieren. Die Rüstung bringe zusätzlich auch noch Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze, so die frohe Botschaft. Wie die Datenzentren verbraucht auch die Rüstungsindustrie jede Menge Energie, Wasser andere Ressoucen. Vom Krieg ganz zu schweigen, wieviel Tonnen fossile Brennstoffe für die andauernden Angriffe der USA auf Teheran verheizt werden, will ich gar nicht wissen. Aber auch die vielgelobten ukrainischen Drohnen funktionieren nicht umweltfreundlich und nachhaltig. Auf jeden Fall steigt trotz Ausbaus der erneuerbaren Energien auch der Verbrauch fossiler weiterhin an, die erneuerbaren ersetzen diese nicht, sondern ergänzen sie.
Wir haben also gleich mehrere Probleme: Wir = die europäischen Regierungen und Wirtschaftsbosse, sind der Überzeugung, dass wir erstens Wirtschaftswachstum brauchen und zweitens wettbewerbsfähig bleiben müssen, auch um den Preis von Menschenleben und der menschlichen Lebensgrundlagen. Wir müssen auch kriegstüchtig werden, denn offensichtlich ist Russland die größere Bedrohung als die Klimaerhitzung, da muss Klimapolitik erst einmal warten. Die Klimaziele werden deshalb ständig abgeschwächt auch auf europäischer Ebene. Bis 2050 sollen wir „klimaneutral“ werden, großartig, und was machen wir bis dorthin, wenn bald schon immer mehr Gebiete Europas praktisch unbewohnbar sein werden?
Wie man das alles entscheiden kann, wenn draußen die Welt brennt, ist mir rätselhaft. Es scheint, dass die Menschen, die politische und wirtschaftliche Entscheidungen treffen, in einer Parallelwelt leben. Nicht nur, weil sie vermutlich in klimatisierten Wohnungen und Büros sitzen, und ihr Essen nicht selbst anbauen müssen. Sondern auch, weil sie eine Gesellschaft ohne Wettbewerb und Wirtschaftswachstum und vermutlich auch ohne Krieg nicht denken können.
Besser solidarisch und gesund als reich und tot
Mit den Datenzentren ist es wie mit dem Energieverbrauch. Die Fragen müssten lauten, was brauchen wir wirklich:
- Wieviel Energie ist notwendig, um Ernährung, Wohnen, Mobilität, Gesundheitsversorgung usw. sicher zu stellen, wenn wir versuchen auf energieeffiziente Techniken umzustellen. Wie und wo wollen wir diese Energie herstellen, wie sie verteilen und – sollen damit wirklich Profite gemacht werden, oder sollten Energie in öffentliches Gut werden?
- Desgleichen auch: Welche Daten halten wir als Bürger*innen wert, gespeichert zu werden, wo soll das sein und wer soll die Kontrolle darüber haben? Die großen Datenmengen fallen hauptsächlich durch zwei Dinge an: erstens durch die generative künstliche Intelligenz, die sogenannten großen Sprachmodelle, die davon leben das ganze Internet zu plündern und alles, was es da schon einmal gibt, ein zweites und drittes und viertes Mal zu speichern, um uns dann mit fragwürdigen Produkten zu beglücken. Und zweitens die ständig zunehmende Überwachung. Beides Dinge, die wir brauchen wie einen Kropf, die man als erstes einsparen könnte.
- Um das Wissen der Welt im Internet zu speichern (das übrigens nie das ganze „Wissen der Welt“ ist, sondern immer nur das des Westens), gibt es schon viele gute Plattformen, Büchereien, Museen, Bibliotheken, Universitäten, Nachrichtenmedien, und natürlich Wikipedia. All dieses Wissen zusammenzuführen und allen zugänglich zu machen, wäre eine Möglichkeit den nötigen Speicherplatz zu reduzieren und zu dezentralisieren.
Was wir = die Menschen, die in Europa leben, wirklich brauchen würden, wäre eine Umverteilung des Reichtums, damit kein Wirtschaftswachstum notwendig wäre, damit alle genug zum Leben haben. Die Reichtumskonzentration ist Österreich ist enorm, ebenso die Ungleichheit. Wir brauchen schnell Massnahmen der Klimaadaption in den Städten, raus mit den Autos, mehr Bäume, mehr Wasser, begrünte Fassaden. Wir brauchen eine Entsiegelung der Böden, Renaturierung von Flüssen und Mooren, funktionierende Gesundheitssysteme, einen Umbau der Landwirtschaft, der Wasser spart und die Böden verbessert und vor dem Austrocknen bewahrt. Und das alles besser heute als morgen – aber das sagen wir ja schon lange, hat auch bisher nicht gewirkt. Denn das bringt kein Wirtschaftswachstum. Wettbewerbsfähig wären wir aber dann zumindest in Bezug auf Überlebenschancen. Aber auch das zählt nicht im Kapitalismus, hier gilt besser reich und tot als solidarisch und gesund.
Wir wissen schon lange im Kapitalismus bekommen wir die Klimakrise nicht in den Griff, denn die Zerstörung seiner – und damit unser aller – Lebensgrundlagen war von Anfang an das Rezept seines Erfolgs. Da aber niemand weiß, wie man kurzfristig aus dem Kapitalismus herauskommt, wird alles so bleiben wie es ist. Und wir werden diesen Wahnsinn auch weiter in den Zeitungen lesen, in den Nachrichten hören, und viele werden ihn weiterhin nachbeten, weil sie vor lauter Zukunftsangst nicht mehr vernünftig denken können.
Es bleibt uns nur, was auch die Freund*innen hier sagen: resistere e adattarsi – wir müssen es aushalten und uns anpassen, am besten solidarisch und nicht jede*r für sich. Im Kleinen kann das ja funktionieren, so wie es zB die etwa 100 Menschen machen, die Anfang August zum Kollapscamp zusammenkommen. Aber solange im Großen alles weitergeht wie bisher, ist das alles ein Tropfen auf den heißen Stein.
Buchtipp
Maja Lunde hat 2018 ein wunderbares und verstörendes Buch geschrieben: Die Geschichte des Wassers. Es beschreibt, wie Südeuropa durch die Klimaerwärmung unbewohnbar wird, Menschen fliehen vor Dürren und Bränden in den Norden, und erleben dabei genau das, was die Menschen auf der Flucht aus anderen Ländern, hier in Europa heute erleben. Damals habe ich das Buch eher unter der Perspektive des Themas Flucht gelesen. Lunde hat ihre Geschichte im Jahr 2041 angesiedelt, jetzt erkennen wir, dass sie damit zu optimistisch war. Ein positiver Schlusssatz? Sorry, mir fällt gerade keiner ein …
