Israel – eine Geschichte der Gewalt

Wie sind wir bis hierher gekommen, das war die Frage die am Schluss des vorigen Beitrags stand. Aber wo beginnen? Und wie?

Natürlich wird das keine Geschichte Israels, das wäre erstens ein Buch und zweitens bin ich dafür sicher nicht kompetent. Dafür kann ich das Buch von Daniel Sokatch wärmstens empfehlen: „Per parlare di Israele“ (auf Englisch: How to talk about Israel). Socatch ist progressiver amerikanischer Jude und derzeit CEO der amerikanischen NGO New Israel Fund, laut Eigendefinition: „the home for progressive civil society and movements fighting for the rights, dignity, and safety of all Israelis and Palestinians.“

Was hier gesammelt ist sind – nicht immer chronologisch geordnete – Schlaglichter aus verschiedenen Büchern, die mir im Laufe des letzten Jahres geholfen haben, einen Weg durch dieses Dickicht zu finden und die Sichtweise der beiden Seiten besser zu verstehen – wirklich hineinversetzen in diese Sichtweisen können wir uns aus unserer privilegierten Position sowieso nicht. Eine Liste der Bücher findet ihr hier im Bücherregal.

From the river to the sea

Die erste Frage ist, wo und wann beginnt dieser Konflikt eigentlich und worum geht es genau? Er beginnt sicher nicht am 7. Oktober 2023, wir in österreichischen Medien oft dargestellt. Er beginnt auch nicht 1948 mit der Gründung des Staates Israel. Sokatch beginnt ein paar tausend Jahre früher, mit der Bibel. Dort wird nämlich im 12. Kapitel des 1. Buch Mose, auch als Genesis bekannt, dem Volk Israel ein Land versprochen, das nach späteren Interpretationen vom Meer bis zum Jordan reichte. Nach anderer Lesart gehörten dazu auch noch die Sinai-Halbinsel und Teile des heutigen Libanon und Jordanien. Aus der Sicht mancher Historiker waren es die Juden, die den Slogan „From the river to the sea, Palestine will be free“ als erstes verwendeten, weiß Wikipedia.

Heute wird er von Palästinenser*innen und ihren Unterstützer*innen verwendet, und ist verpönt, weil viele damit das Existenzrecht Israels in Frage gestellt sehen. Wenn ich meine Freund*innen hier frage, was dieser Satz für sie bedeutet, sagen sie, das alle Menschen, die dort wohnen frei sein sollen, unabhängig von Religion, Staatszugehörigkeit usw. Dagegen könnte ja niemand etwas haben, ich bezweifle aber, dass das auch alle Palästinenser so sehen …

In jedem Fall halte ich es für wenig überzeugend einen mehrere Tausend Jahre alten Bibelvers über ein Versprechen eines Gottes als politisches Argument zu nutzen. Es ist aber wichtig, diesen Inhalt zu kennen, denn Menschen, die die Bibel wörtlich nehmen, das sind fundamentalistische Jüd*innen und Christ*innen, letztere hauptsächlich in den USA, halten an dieser Interpretation fest. Und leider haben sie großen Einfluss auf die aktuelle Politik Israels und der USA und legitimieren damit nicht nur die Zerstörung von Gaza sondern auch die Siedlungspolitik im Westjordanland.

Wenn wir die Bibel nicht als Argument akzeptieren, welche Legitimation gibt es für die Juden, dieses Land für sich zu beanspruchen? Pankaj Misha etwa fragt in seinem Buch „Die Welt nach Gaza“ aus postkolonialer Sicht sehr pragmatisch, wenn die Europäer nach der Shoa der Meinung waren, dass die Juden einen eigenen Staat brauchen, warum haben sie ihnen nicht einen Ort in Europa zugewiesen, anstatt eine Kolonie dafür zu nutzen? Sokatch zitiert dazu den israelischen Schriftsteller Amoz Oz:„ … wenn Ertrinkende ein Stück Holz finden, an dem sie sich festhalten können, haben sie das Recht das zu tun, auch wenn sie andere, die schon auf diesem Holz sitzen, zur Seite schieben müssen. Sie haben aber nicht das Recht, diese ins Wasser zu werfen.“ Soll heißen, als die große Judenverfolgung der Faschisten in Europa einsetzte, habe sich kein einziges Land gefunden, dass sie aufnehmen wollte. Nach dem Ende des Krieges und der Befreiung der KZ-Überlebenden wollten sie auch die Europäer nicht mehr haben, weil sie nicht ständig an ihre Schuld erinnert werden wollten. Sie waren wie Schiffbrüchige auf hoher See und es gab für sie keine andere Möglichkeit. Palästina sei sicher eine schwierige, aus damaliger Sicht aber die einzige Möglichkeit gewesen, mit der Situation umzugehen. Wenn sich damals andere Länder gefunden hätten, die die Juden aufgenommen hätten, gäbe es all diese Konflikte möglicherweise heute nicht.

Francesca Albanese erzählt im Buch „Quando il mondo dorme“ (Wenn die Welt schläft, meines Wissens in keiner anderen Sprache verfügbar) von einem Gespräch mit dem (inzwischen verstorbenen) italienisch-israelischen Historiker Alon Confino. Auch sie habe die Meinung geäußert, die Juden seien doch nach Palästina gegangen, weil kein Land sie aufnehmen wollte, aber nicht weil sie eine besondere Beziehung zu diesem Land hätten. Diese Unterstellung wurde von Confino aufs Heftigste zurückgewiesen: Juden hätten eine sehr intensive Beziehung zu diesem Land, sie sei fester Bestandteil der jüdischen Kultur und Identität. Es ist auch verständlich, dass sich ein Volk, das so oft vertrieben wurde, so einen, uns vielleicht irrational erscheinenden, Bezugspunkt für seine Identität schafft.

Kolonialismus, Nationalismen und Zionismen

Wir sind keine Antisemiten, wir sind Antizionist*innen, höre ich hier oft von meine Freund*innen. Aber auch das greift zu kurz.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden nationalistische Strömungen in ganz Europa. Es war die Zeit, in der große Reiche zerfielen, das Zarenreich, die Österreich-Ungarische Monarchie, und neue Staaten gegründet wurden. Zeitgleich mit den Nationalismen in Europa entstand der jüdische Nationalismus, auch als Reaktion auf die vielfältige und dauerhafte Verfolgung der Juden in Europa.

Der jüdische Nationalismus wurde schnell als Zionismus bekannt. Der Großteil der ersten Zionisten kam aus der Arbeiterbewegung. Sie träumten davon, eine sozialistische Gesellschaft in Palästina aufzubauen. An vorderster Front die Kibbuzbewegung, die auch eine Inspiration für viele Linke in Europa darstellte. So habe ich etwa durch Zufall erfahren, dass auch Hannah Arendt überzeugte Zionistin war. In dem Band: Hannah Arendt: Schriften 1941 – 1950 schreibt sie praktisch nur über die Rolle der Juden im Krieg gegen Hitler und über den Aufbau des Judenstaates in Palästina. Offenbar gab es damals eine starke progressive zionistische Bewegung in den USA, die diesen Aufbau ideell und theoretisch stark mit formte. Arendt fordert zum Beispiel eine eigene jüdische Armee im Kampf gegen Hitler. Besonders interessant fand ich die Überlegungen zur politischen Form diese Judenstaates. Für Arendt war schon damals ganz klar, dass weder ein gemeinsamer Staat noch zwei getrennte ein gangbare Lösung sein konnten. Sie schlug eine Konföderation vor, eine Idee, die anscheindend schnell in der Versenkung verschwunden ist – bis sie von Abdullah Öcalan wieder aufgegriffen wurde, aber das ist eine andere Geschichte.

Diese progressiven Zionisten waren von Anfang an und die ersten 30 Jahre des Staates Israels tonangebend. Erst 1977, am Ende des Jom Kippurkrieges (über den ich jetzt nichts schreibe, sondern wieder einmal auf Sokatch verweise), wandte sich das Blatt und es erhielt mit Menachem Begin zum ersten Mal ein rechter Politiker die Mehrheit der Stimmen. Er gehörte zu den großen ideologischen Gegenspielern der linken Zionisten, den, so beschreibt sie Sokatch, „revisionistischen Zionisten“, eine rechte, militaristische Variante, die nicht nur jede Form des „Sozialismus“ ablehnte, sondern auch ein Groß-Israel wollen, wie sie es aus der Bibel lesen (siehe oben), und deshalb die Siedler im Westjordanland politlisch und finanziell unterstützte. Seit 1977 hat sich diese politische Richtung weitgehend durchgesetzt.

Als weitere kleine Gruppen nennt Sokatch die religiösen und kulturellen Zionisten. Erstere sind jenseits von ultraorthodoxen Bibelfundamentalisten einfach der Überzeugung, dass die Einwanderung der Juden nach Palästina die Erfüllung eines göttlichen Planes ist, und sind für Netanjahu wichtige Mehrheitsbeschaffer. Die kulturellen Zionisten begründen ihre Beziehung zum Land mit der jüdischen Geschichte und Sprache und sind der Meinung, dass die Juden mit den anderen Bewohnern des Landes in Frieden zusammenleben müssten.

Das Territorium, um das heute gekämpft wird, war historisch unter wechselnder Herrschaft, vom 17. Jahrhundert bis zum Ende des 1. Weltkrieges gehörte es zum Osmanischen Reich. Es war relativ dünn besiedelt, ein großer Teil des Landes gehörte Besitzern die in der heutigen Türkei wohnten. Es wurde von lokalen Bauern bewirtschaftet. Am Ende es 19. Jahrhunderts war das osmanische Reich schon geschwächt, an den Rändern begannen sich Unabhängigkeitsbewegungen zu bilden, unter anderem auch von den Arabern, der Beginn des arabischen Nationalismus. Als die ersten Zionist*innen am Ende des 19. Jahrhunderts nach Palästina kamen, begannen sie von den Osmanen Land käuflich zu erwerben, an dem diese ohnehin wenig Interesse hatten, und sich dort anzusiedeln. Die dort lebenden Araber fühlten sich von ihnen bedroht. Es ist ein Ironie der Geschichte, dass sich der gerade entstehende arabische Nationalismus besonders an der Auseinandersetzung mit dem jüdischen Nationalismus entwickelte.

Erster Weltkrieg und Balfour-Deklaration

Der 1. Weltkrieg schließlich war auch Ausdruck der oben angesprochenen Zerfallsprozesse der großen Reiche. Das osmanische Reich schlug sich dabei auf die „falsche“ Seite, nämlich zum Deutschen Reich und der Habsburg Monarchie, und fiel so auf die Verliererseite. In guter kolonialer Manier haben die europäischen Siegermächte das Land unter sich aufgeteilt, wenn auch mit Unterstützung des Völkerbundes, des nach dem 1. Weltkrieg gegründeten Vorläufers der UNO. Das heutige Syrien kam unter französisches, das damals Palästina genannte Land unter britisches „Mandat“, was nur ein Euphemismus für Kolonialismus war.

Nun richteten sich die Unabhängigkeitskämpfe der Araber gegen das britische Reich. Für die Juden schien es eine gute Wendung zu sein. In einem Brief hatte der britische Außenminister den Juden zugesichert, die Staatsgründung zu unterstützen, allerdings unter der Bedingung, dass die Rechte der nicht-jüdischen Bevölkerung gewahrt werden. Diese sogenannte Balfour-Deklaration gab den Juden Hoffnung und Sicherheit. Die Araber hingegen beriefen sich auf einen anderen Briefwechsel, den zwischen dem britischen Hochkommissar in Ägypten Sir Henry McMahon und Hussein Ibn Ali, dem Oberhaupt von Mekka, in dem den Arabern Unterstützung zugesagt wurde. Die Engländer hatten Mühe in ihrer neuen Kolonie die Ruhe zu erhalten, es gab ständige Konflikte zwischen Juden und Arabern, aber auch Juden forderten Unabhängigkeit von England. Araber, Juden und Briten standen sich in wechselnden Allianzen gegenüber, auch innerhalb der einzelnen Gruppen gab es Konflikte.

Ein interessantes Detail dieser Zeit ist die Gründung der Hagana aus den laufenden kriegerischen Konflikten mit den Arabern. Die Hagana war eine jüdische paramilitärische Gruppe, die im Untergrund arbeiten musste, weil den Juden Waffenbesitz unter dem britischen Mandat verboten war. Schon damals war sie als Volksarmee gedacht, an der sich möglichst alle Juden und Jüdinnen beteiligen sollten. Sie verschrieb sich ursprünglich der Deeskalation der Konflikte, Waffen sollten nur zur Verteidigung, nicht zum Angriff benutzt werden. Nach wiederholten arabischen Angriffen mit vielen Toten auf jüdischer Seite, änderte sich dieser Zugang mit der Zeit. Es kam auch zur Abspaltung einer rechten paramilitärischen Gruppe, der Irgun, die auch Bombenanschläge gegen britische Einrichtungen verübte. Im Roman „Adama“ von Lavie Tidhar wird beschrieben, wie Jüd*innen illegal Waffen importieren, in einem Kibbuz verstecken und dieser dann von den Engländern überfallen und vollständig zerstört wird. Die heutigen israelischen Streitkräfte IDF sind die direkten Nachfolger der Hagana nach der Staatsgründung. Von der Deeskalationsstrategie ist nichts übrig geblieben.

Faschismus in Europa und 2. Weltkrieg

Als mit dem Aufstreben des Faschismus in Europa und der Machtübernahme Hitlers viele Jüd*innen nach Isreal aufbrachen, nahm die Gegenwehr der Araber zu. Angesichts der heftigen Kämpfe sahen die Engländer keinen anderen Ausweg mehr, als die Einwanderung der Juden zu unterbinden, gerade in dem Moment, als die Bedrohung in Europa ihren Höhepunkt erreichte, und die Juden den Schutz am dringendsten gebraucht hätten. Als nach dem Krieg die Überlebenden aus den Konzentrationslagern ebenfalls nach Palästina wollten, fingen die Engländer die Schiffe mit den Auswanderern ab und brachten sie in Lager nach Zypern (kommt uns vermutlich bekannt vor, immer wieder ist mir beim Lesen aufgefallen, wie sehr sich die Gewalttaten ähneln, nur mit wechselnden Opfern und Tätern). Die bereits dort wohnenden Juden, die sich als Pioniere sahen, als harte, kampfbereite Menschen, hatten erst wenig Lust diejenigen aufzunehmen, die die Konzentrationslager überlebt hatten, weil sie so gar nicht diesem Menschenideal entsprachen. Erst nachdem klar wurde, dass ihre Aufnahme die Existenz eines israelischen Staates legitimieren würde, haben sie diese akzeptiert.

Die Engländer wollten die schwierige Kolonie los werden. Die neu gegründete UNO verabschiedete im November 1947 den Teilungsplan, der von Israel akzeptiert wurde, von den Palästinensern und den benachbarten arabischen Staaten jedoch nicht. Es begann eine Zeit kriegerischer Auseinandersetzungen, in denen sich beide Seiten an Gewalt nichts schenkten. Als im Mai 1948 das britische Mandat endete, rief David Ben-Gurion die Gründung des israelischen Staates aus, der von den USA sofort anerkannt wurde. Ein Freudentag für die jüdische Bevölkerung und für viele andere, auch nicht-jüdische Menschen, in Europa und den USA, die die Idee des jüdischen Staates unterstützten. Für die arabische Bevölkerung der Beginn der Nakba, der „Katastrophe“. Denn bereits am nächsten Tag zeigten die nunmehrigen Israelis, dass sie nicht vorhatten, sich an die im Teilungsplan festgelegten Grenzen zu halten, und begannen mit der Vertreibung der Palästinenser*innen. Der Roman „Storia di un abito inglese e di una mucca ebrea“ (Geschichte von einem englischen Anzug und einer jüdischen Kuh) beschreibt, wie „normale“ palästinensische Handwerker und Bauern diese Zeit erlebten. Sie kamen am Abend nach Hause, die Familie war vertrieben, das Haus von Jüd*innen in Besitz genommen. Was bei der Arisierung in Deutschland und Österreich geschehen ist, das machten die Juden nun mit den Arabern. Sie eigneten sich an, woraus sie die anderen vertrieben hatten. Auch hier wieder diese Wiederholung. Im Unterschied zu Europa wurden die Araber nicht getötet, zumindest, wenn sie sich nicht wehrten. Viele versuchten später zurückzukehren, das israelische Recht sah jedoch nicht vor, dass sie ihr Eigentum zurück bekommen könnten. Nicht alle wollten zurück, viele sind auch ausgewandert und begründeten so die starke palästinensische Diaspora in Europa und den USA.

Es folgte eine Zeit mit mehr oder weniger Konflikten, mit Überfällen der Palästinenser und überzogenen Reaktionen Israels. Entscheidend dabei war, dass sich im Rahmen des Panarabismus andere arabische Länder mit den Palästinensern verbündeten, sodass Israel zeitweise tatsächlich von Feinden umzingelt war. Zwei Ereignisse stechen in dieser Zeit heraus: der Sechstagekrieg und der Osloprozess.

Der Sechstagekrieg

Der sogenannte Sechstagekrieg 1967 war ein zentraler Wendepunkt für beide Seiten. Durch die immer stärker werdenden panarabische Drohbewegungen, angeführt von Ägypten, die Provokation, den Suezkanal zu schließen, die Drohung „alle Juden ins Meer zu treiben“, und – wie fast immer bei Kriegen – Falschinformationen durch Russland (!) – begann Israel einen Angriffskrieg erst gegen Ägypten um die Sinai-Halbinsel. Nachdem dieser Krieg leicht und schnell gewonnen wurde, holte man sich auch noch den Gazastreifen, das Westjordanland und die Golanhöhen. Innerhalb weniger Tage hatte sich von Israel beherrschte Fläche mehr als verdoppelt und umfasste nun das ganze biblisch genannte Land. Das Bild spricht für sich.

Für die Israelis war es ein Triumph, der durchaus auch von vielen Europäern gefeiert wurde. Zum ersten Mal hatten sie das Gefühl, der drohenden Gefahr entronnen zu sein. Für die Palästinenser begann zur gleichen Zeit praktisch die zweite Nakba. Auch im Gazastreifen und im Westjordanland, wohin sie sich bei der ersten Nakba zurückgezogen hatten, standen sie nun unter der Kontrolle Israels. Seit damals, also seit praktisch 60 Jahren, leben die Palästinenser*innen unter Besatzung, auch wenn Sinai und Golanhöhen später auf Druck der UNO wieder aufgegeben werden mussten.

Friedensnobelpreis und Intifada

Die zunehmende Repression Israels war der Auslöser für die erste Intifada (Arabisch für „Aufstand“), die zum großen Teil gekennzeichnet war von Formen zivilen Widerstands. Die Gewalt beschränkte sich weitgehend auf Steine werfende Kinder und Jugendliche, seltener wurden Molotowcocktails geworfen. Diese Phase dauerte von 1987 bis 1993 und endete mit dem von Yitzhak Rabin eingeleiteten Friedensprozess von Oslo. Rabin gehörte dem linken Spektrum des Zionismus an, hatte vielfache Funktionen in Militär und Regierung. Der Prozess wurde gekrönt vom Friedensnobelpreis für Rabin, den Verteidigungsminister Sharon und den Palästinenserführer Jassir Arafat im Jahr 1994. Schon davor hatte es einen Friedensnobelpreis für den Friedensschluss zwischen Israel und Ägypten gegeben. Die Zeit unter der Regierung Rabin beschreibt Sokatch als die „goldenen Jahre“, in denen er in Israel gelebt habe. Auch Amir Tibon beschreibt Zeiten, in denen die Juden aus den Kibbuzim in den Gazastreifen fuhren zum Baden im Meer, in denen sie und palästinensische Freunde sich gegenseitig besuchten.

Als Rabin 1995 von einem rechtsradikalen Israeli erschossen wurde, endete auch der Friedensprozess. Auf ihn folgten hauptsächlich rechte Regierungen, die kein Interesse mehr an einem Frieden hatten. Das war der Auftakt zur zweiten Intifada, die viel gewalttätiger war, als die erste. Es war die Phase der großen Selbstmordattentate der Palästinenser, deren Führer sich ebenfalls radikalisiert hatten. Sie endete mit einem Waffenstillstand 2005, der allerdings nie voll umgesetzt wurde. Vor allem seit dem Regierungsantritt von Benjamin Netanjahu hat sich die Situation der Palästinenser*innen stetig verschlechtert. Es wurden Mauern gebaut, Checkpoints errichtet, die es den Palästinensern schwer bis unmöglich machten, ihre Felder oder Arbeitsplätze zu erreichen. Der Apartheid-Staat, mit unterschiedlichen Rechten für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen begann sich zu verstetigen. Das hält bis heute an. Während es in Gaza seit dem sogenannten „Friedensplan“ von Trump etwas ruhiger geworden ist, nehmen die Siedlergewalt im Westjordanland und die Kämpfe im Libanon täglich zu, nachzulesen hier bei medico.de und bei amnesty international – und wieder schaut die ganze Welt weg.

Muss das immer so weiter gehen? Und was kann die Rolle Europas sein? Und was die der Zivilgesellschaft? Darüber habe ich für den letzten Teil der Trilogie nachgedacht.

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