Terroristen oder Befreiungskämpfer?

Der folgende Text ist der erste Teil des Ergebnisses eines Lese- und Reflexionsprozesses, angestoßen durch die Erfahrung des unterschiedlichen Umgangs mit den Ereignissen in Palästina in Österreich/Deutschland und Italien. Dieses Ergebnis ist weder vollständig noch abgeschlossen, und in jedem Fall nur eine mögliche Pespektive auf eine so komplexe wie tragische Situation. Der Text wurde bereits zu Jahresanfang begonnen, hat aber erst jetzt das Licht der Öffentlichkeit erblickt, daher die alten Quellenangaben. Er hat in dieser Zeit leider nichts von seiner Aktualität verloren.

Am Anfang stand der Kulturschock

In Italien wurde ein als Wohltätigkeitsverein getarntes Netzwerk zur Finanzierung der Hamas aufgespürt und dessen Anführer festgenommen, es gebe Verbindungen nach Österreich. So oder ähnlich berichteten die österreichischen Medien Ende Dezember 2025, zB hier.

Mich interessierte, was die italienischen Medien dazu zu sagen hatten. Und, wenig überraschend, vor allem die Linken überschlugen sich vor Empörung: schon wieder diese Kriminalisierung der Palästina-Solidarität. Die Person ist in Italien gut bekannt, es gab schon mehrfach Unterstellungen der Terrorfinanzierung, alle Untersuchungen seien bisher im Sand verlaufen. Außerdem sei die Verhaftung nicht auf ein offizielles Ansuchen israelischer Gerichte erfolgt, sondern auf Grund von Hinweisen aus der israelischen Armee.

Als ich im Herbst 2024 nach Italien kam, wurde Solidarität mit Palästina in Österreich und Deutschland noch durchgehend, auch von Links, als Antisemitismus und Unterstützung der Hamas verpönt, Demos verboten, palästinensische Sprecher*innen ausgeladen. Sogar die UNO Berichterstatterin zu Gaza, Francesca Albanese, traf dieses Schicksal, was natürlich in Italien besonders verurteilt wurde.

In dieser Spannung lebe ich, seitdem ich in Italien bin, und ich bin inzwischen ziemlich überzeugt, dass beide Seiten recht haben. Nicht deshalb, weil ich keine klare Position einnehmen will, sondern weil ich mich im letzten Jahr viel mit dem Thema beschäftigt habe, viel gelesen habe, und zu dem Schluss gekommen bin, dass diese beiden Sichtweisen tatsächlich die beiden Seiten einer Medaille sind, dass die eine nicht ohne die andere existieren kann.

Von einem Extrem ins andere

Natürlich hat auch mich der Überfall der Hamas vom 7. Oktober 2023 schockiert, aber das was Israel danach in Gaza machte, fand ich unerträglich, und dass es dabei auch noch Unterstützung von der EU gab, noch mehr. Insofern stand ich der italienischen Solidarität mit Palästina durchaus positiv gegenüber.

Foto: Paolo Soriani

Als ich das erste Mal bei einer Solidartätskundgebung für Palästina in Italien war, dachte ich, durchaus auf ähnliche Repressionen zu stoßen wie bei uns. Aber, nichts dergleichen. „Palestina libera, tra fiume al mare“, stand groß und deutlich dort zu lesen, also der bei uns verpönte Spruch „From the river to the sea …“ und das schien dort niemanden zu stören. Und mit der Zeit lernte ich: die Solidarität mit Palästina ist dort eine breite Bewegung, bei jeder Demo, egal wofür oder wogegen, werden Palästinafahnen mitgeführt, vor allem die Sumud Flotilla hat zig-tausende Menschen mobilisiert und selbst die linken Oppositionsparteien positionieren sich klar pro Palästina. Die Hamas sei keine Terrororganisation, sondern eine Befreiungsbewegung, hörte ich immer wieder, was mir auch zu einseitig schien. Ich fand mich also zwischen zwei Extremen und hatte dadurch das Bedürfnis, mich mehr mit dieser Sache zu beschäftigen.

In der politischen Gruppe, in der ich engagiert bin, war die Position auch eindeutig pro Hamas. Es gab aber eine Person dabei, die immer eingefordert hat, man müsse auch über den Terror der Hamas reden. Es sei verständlich, dass Menschen, die seit Jahren brutal unterdrückt und ihrer Lebenschancen beraubt werden, irgendwann zurückschlagen, dass sich jede Gewalt irgendwann einmal gegen den Aggressor wende. Der 7. Oktober sei aber kein spontaner Gewaltausbruch gewesen, sondern eine von langer Hand geplante Strategie. Ich dachte damals, dass er vermutlich recht hatte, fragte mich aber von wem und zu welchem Zweck diese Strategie geplant worden war und wem sie nützt. Den Palästinenser*innen, so meine damals noch eher naive Sichtweise, hat sie jedenfalls nicht genützt.

Wer oder was ist die Hamas?

Zuerst habe ich versucht herauszufinden, was die Hamas eigentlich ist und wie sie sich finanziert. Ersteres war relativ leicht, es gibt den militärischen Arm der Hamas, einen politischen, und weil die Hamas mehrere Jahre den Gazastreifen offiziell regierte, so etwas wie den administrativen, der für die Versorgung mit diversen Dienstleistungen zuständig war. Auch zur Finanzierung fanden sich ziemlich übereinstimmende Angaben, die schon eher überraschend waren. Da ist einerseits die oben angesprochene Finanzierung über palästinensische Wohltätigkeitsorganisationen in Europa, die die tatsächlich bitter nötige medizinische Versorgung, Lebensmittelversorgung, Bildung usw. sicher stellen, gegen die auch niemand etwas haben kann. Und weil immer noch viele dieser Dienstleistungen von der Hamas erbracht werden, kommt man daran nicht vorbei. Es scheint mir unmöglich, zu verhindern, dass dafür gedachte Gelder auch für Waffen oder anderen Kampfbedarf umgeleitet werden.

Daraus ergibt sich diese Ambivalenz: Wer Hilfe in Gaza durchführt, muss immer mit Menschen zusammen arbeiten, die zumindest irgendwann einmal auch mit der Hamas oder für die Hamas gearbeitet haben. Ich halte es auch für wahrscheinlich, dass die Hamas Krankenhäuser als Schutzschilde verwendet hat, möglicherweise als Eingänge in ihr Tunnelsystem, keine Ahnung, ob auch wirklich als Waffenlager. Das wird in Kriegen öfter gemacht, wird deswegen nicht weniger problematisch. Aber ist es deshalb legitim, alle Krankenhäuser nieder zu bomben? Es ist grausam, Zivilpersonen, besonders Kranke, Verletzte und Kinder als Schutzschilde zu verwenden, es ist aber ebenfalls grausam, all diese Menschen zu töten, um an die Hamas heranzukommen.

Diese Mittel sind zudem nur ein relativ geringer Teil der Finanzierung der Kriegsausrüstung der Hamas, denn diese erfolgt über andere Staaten, etwa den Iran, die Türkei, und zum größten Teil überraschenderweise mit Zustimmung und sogar auf Wunsch der israelischen Regierung, durch Katar. Hier gibt es einen guten Überblick, der leider nicht mehr ganz aktuell ist. Der israelische Journalist und Autor Amir Tibon schreibt im Buch „Die Tore von Gaza“ dazu, dass es ein Abkommen zwischen Hamas, Katar und Israel gäbe, mit dem sich Israel über lange Zeit Ruhe gegen Geld erkauft habe. Immer wenn die Unruhen zunahmen, verlangte Israel eine Steigerung der Summen. Er zitiert Netanjahu, „dass es essenziell sei, die Organisation [die Hamas] an der Macht zu halten, wenn man verhindern wolle, dass erneut Druck auf Israel hinsichtlich einer Zweistaatenlösung ausgeübt werde.“ Aha, und wie soll ich mir nun die Rhetorik der israelischen Regierung erkären, dass die Hamas vernichtet werden muss?

Dann habe ich zu lesen begonnen. Am Beginn stand ein Buch, das palästinensiche Frauen, die in Italien wohnen, teils auch schon hier geboren sind, geschrieben und herausgegeben haben: „Ritorno a Gaza“. In diesem Buch habe ich neben einem Gefühl für die Sicht von Palästinenser*innen, ihrem Schmerz und ihrer Verzweiflung, auch die ersten politischen Informationen zum Verhältnis Israel – Palästina und zum Angriff vom 7. Oktober bekommen. Das Buch ist durchgängig aus der Sicht einer postkolonialen Perspektive geschrieben, die den Kampf Palästinenser*innen als kolonialen Befreiungskampf interpretiert. Ich habe dort so zweifelhafte Sätze gelesen, wie es sei ein Unterschied, ob eine palästinensische oder eine israelische Frau vergewaltigt werde, letztere gehöre ja, da sie auch in der Armee diene, zu den Feinden. Und ich habe gelernt, dass es eine große palästinensische Diaspora in den USA, vor allem an den Universitäten gibt, die auch in die strategische Planung der Hamas einbezogen ist. Menschen also, die von den konkreten Auswirkungen der Aktionen nicht betroffen sind. Dieser Umstand zeigt gleichzeitig, dass der Versuch die Hamas in Gaza zu zerstören, nicht zum Ziel führen kann. All das hat erst einmal ziemlich viel Verwirrung in meinem Kopf angerichtet, weil ich, bei aller Sympathie, diese Positionen nicht eindeutig unterschreiben konnte.

Stellungnahme der Hamas

Dann, im Jänner, hat die Hamas selbst ein Dokument veröffentlicht, in dem sie die Motive für den Überfall aufschlüsselt und die „Erfolge“ evaluiert. Die Schritte der Annäherung zwischen Arabern und Israel ohne Einbeziehung der Palästinenser erweckten bei diesen die Befürchtung, vergessen zu werden. Sie wollten also die Machtverhältnisse im Nahen Osten aufmischen. Ein weiteres Motiv war, das gewaltvolle Vorgehen Israels aller Welt sichtbar zu machen, die Straflosigkeit Isreals anzuprangern, das zweifache Maß, das westliche Regierungen anwenden, wenn es um Israel geht, all das sollte nicht mehr übersehen werden können. Auch der Zeitpunkt war bewusst gewählt. Einerseits hatten die Angriffe und die Repression Israels 2023 bereits vor dem Oktober massiv zugenommen, wie Francesca Albanese in ihrem Report für die UNO ausführte. Dann war sich Israel seiner Überlegenheit in Gaza so sicher, dass nahezu alle Streitkräfte an die Grenze zum Westjordanland abgezogen worden waren. Es gab also sozusagen Pull- und Pushfaktoren, es waren machtstrategische Motive, die Verbesserung der Lebenssituation der in Gaza lebenden Menschen gehörte nicht dazu. Eine gute Übersicht dazu gibt es hier.

Und schließlich ging es auch darum, das Narrativ zu ändern. Der Kampf der Palästinenser*innen wurde als antikolonialer Befreiungskampf geframed, was in einem Großteil der Welt, vor allem in ehemaligen Kolonien voll aufgegangen ist. Das bestätigt auch Pankrei Misha in seinem Buch „Die Welt nach Gaza“. Es hat aber auch in Europa mit Ausnahme von Deutschland und Österreich zu viel Solidarität geführt. Es war den Drahtziehern in Gaza und den USA also klar, dass Israel grausam zurückschlagen würde, das war einkalkuliert und sollte auch der eigenen Legitimation dienen, Verletzte und Tote in der eigenen Bevölkerung wurden dabei in Kauf genommen. Vermutlich hatte man allerdings nicht mit diesem Ausmaß an Zerstörung gerechnet, man hatte auch gehofft, durch die Geiselnahmen die Grausamkeit der Rache Israels abzuschwächen. Eine Rechnung die nicht aufgegangen ist, auch Israel opferte die eigenen Leute. Und mit der massiven Zerstörungstätigkeit, mit anhaltenden Menschenrechtsverletzungen, mit der Verhinderungen von Hilfslieferungen, hat sich Israel seither selbst in seinem Ansehen geschadet, inzwischen wird auch in Europa offen von Sanktionen gesprochen. So gesehen kann die Hamas, so zynisch das ist, von einer erfolgreichen Aktion sprechen. Obwohl inzwischen auch innerhalb der Menschen im Gazastreifen die Unzufriedenheit mit der Hamas steigt, Proteste zum Teil mit Repression beantwortet werden.

All diese Aspekte zeigen, wie am Anfang behauptet, dass die israelische Regierung und die Hamas einander brauchen, weil sie gegenseitig ihr gewaltsames Vorgehen legitimieren. Weil die Hamas sich immer wieder zu terroristischen Anschlägen hinreissen lässt, legitimiert sie das israelische Narrativ der ständigen Bedrohung, der nur mit massiver Gewalt und einer Auslöschung der Hamas zu begegnen ist. Weil Israel diese massive Gewalt ausübt, unterstützt es den Befreiungsdiskurs der Hamas und kann sich der Solidarisierung mit von Unterdrückung und Gewalt betroffenen Gruppen auf der ganzen Welt sicher sein.

Klarheit und noch mehr Fragen

Inzwischen sind einige Aspekte der aktuellen Situation in Gaza für mich einigermaßen klar:

  • Das Attentat vom 7. Oktober war ein strategisch vorbereiter, terroristischer Akt des militärischen Flügels der Hamas, und sicher nicht der erste. Einen Teil ihrer Mitglieder kann man vermutlich als Terroristen bezeichnen, auf jeden Fall verwenden sie terroristische Methoden. Das gilt aber sicher nicht für die Menschen die im Zusammenhang mit sozialen und medizinischen Dienstleistungen mit dem politischen Teil der Hamas kooperieren und noch viel weniger für palästinensische Journalisten, die ja auch in großer Zahl getötet wurden, oder gar für die vielen verletzten und getöteten Kinder. Ich verurteile die terroristischen Attacken der Hamas, ich will nicht ihren militärischen Flügel unterstützen. Und da habe ich die gleichen Probleme wie Israel, wie die beiden Dinge auseinender halten? Ich habe für mich gelernt, dass ich das immer nur von Fall zu Fall entscheiden kann.
  • Israel begeht (immer noch) einen Genozid in Gaza, die Ausweisung fast aller großen Hilfsorganisationen ist Teil davon, ebenso, dass immer noch viel zu wenige Hilfsgüter durchgelassen werden, dass immer noch Menschen an Hunger sterben, und auch immer noch erschossen werden. Es ist ein Genozid auf Raten, der nicht nur mit Waffen geführt wird. Ein hybrider Genozid sozusagen. Mehrere Völkerrechtsexperten, zB die vom israelischen Autor und Architekten Eyal Weizman gegründete Organisation Forensic Architecture und Amnesty International haben sowohl den Apartheid- als auch den Genozidvorwurf bestätigt und der internationale Gerichtshof in Den Haag hat auf Betreiben Südafrikas ein Verfahren eröffnet.
  • In Israel herrscht schon lange ein Apartheid-ähnlicher Zustand, da nicht für alle Bewohner*innen die gleichen Gesetze gelten, und neueste Gesetze wie die Todesstrafe für Palästinenser haben das noch verschärft. Das war den Regierungen auch selbst klar. Amir Tibon schreibt dazu, schon Prämierminister Sharon (2001 – 2005) habe erkannt, dass „Israel in eine Apartheid-ähnliche Zukunft driftete, die er weniger aus moralischen denn aus pragmatisch-politischen Gründen fürchtete.“ (mehr zu Amir Tibon und seinem Buch im nächsten Beitrag)
  • Der „Friedensplan“ von Trump schützt in keiner Weise die Rechte der Palästinenser sondern war in erster Linie ein Plan für Investoren. Aus Geldmangel wurden jedoch aktuell die großartigen Baupläne aufgegeben, stattdessen soll ein Flüchtlingslager enstehen, berichtete vor wenigen Tagen der Guardian, hier auch ein deutscher Artikel. Israel hält sich weiterhin nicht an den Waffenstillstand, das Sterben im Gazastreifen geht weiter. Im Westjordanland wird die illegale Siedlungspolitik weiter mit Waffengewalt vorangetrieben, einen Bericht darüber gibt es hier auf medico.de.

Was zu einem wirklichen Frieden führen könnte, wusste ich immer noch nicht. Ausserdem wollte ich auch noch mehr über den historischen Prozess verstehen. Also habe ich noch weiter gelesen, deshalb gibt es noch zwei weitere Beiträge, hier und hier.

Infos zu den Büchern findet ihr im Bücherregal.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert