Einen großen Unterschied zwischen österreichischen und italienischen Medien gibt es beim Umgang mit Tod und Gewalt, seien es Suizide, Feminizide, Terrorakte. Österreichische Medien berichten darüber kaum, in wenigen Sätzen, ohne die Nennung von Namen, bestenfalls werden die Anfangsbuchstaben angegeben. Als Begründung werden der Persönlichkeitsschutz der betroffenen Personen angeführt, der Respekt vor dem Schock und der Trauer der Angehörigen und das Ziel, Nachahmungshandlungen zu verhindern.
Dürfen’s denn des?
Entsprechend groß war meine Überraschung, als ich im Corriere della Sera (den ich neben Manifesto und Fatto Quotidiano, die ausdrücklich linke Zeitungen sind, und kaum Chronikberichterstattung haben, am häufigsten lese) einen ganz anderen Umgang damit erlebte. Über Morde, tragische Unfälle, Terrorakte wird dort im Detail berichtet, besonders wenn es sich um junge Opfer handelt, Täter und Opfer mit vollem Namen genannt, und natürlich mit Fotos versehen. Seiten werden mit Geschichten über das Leben der Betroffenen gefüllt. Irgendjemand findet sich immer, der oder die bereitwillig Auskunft darüber gibt, welch großartige Zukunft den jungen Menschen noch offengestanden wäre, wie entsetzt sie darüber sind, dass der Freund zum Mörder geworden ist. Am Anfang habe ich mich nicht wohl dabei gefühlt, diese Details zu lesen, irgendwie hatte ich das Gefühl, da passiert etwas, das nicht richtig ist, es war mir fast ein bisschen peinlich. Da hab ich wieder einmal bemerkt, wie sehr die tägliche Erfahrung das eigene Schema von „Richtig“ und „Falsch“ bestimmt, ohne dass man extra darüber nachdenken muss – es ist einfach so. Ich muss aber zugeben, dass ich die Beiträge meist trotzdem gelesen habe, wenn auch nicht immer alles, und mich mit der Zeit daran gewöhnt habe. Ich finde es inzwischen eigentlich schön, die Menschen mit all ihren Gefühlen hinter diesen tragischen „Fällen“, über die in Österreich kurz und sachlich berichtet wird, sichtbar zu machen.
Der Corriere della Sera ist eine seriöse Zeitung, die ich politisch Mitte-Links einordnen würde, keine „Krone“, keine „Bild“. Vermutlich gibt es auch solche in Italien, die dann den angemessenen Respekt vermissen lassen. Eine deutsche Freundin, die schon lange hier lebt, teilt meine Wahrnehmung, auch die deutschen Zeitungen würden über Feminizide nur wenige Zeilen berichten, sagt sie, am liebsten gar nicht. Auch sie findet den italienischen Umgang damit besser. Sie meint aber, in den Fernsehnachrichten werde diese Art der Berichterstattung übertrieben, dazu kann ich nichts sagen, weil ich auch in Italien nicht fernsehe.
Ein einziges Mal habe ich in Italien gelesen, dass die Eltern eines Mannes, der seine Freundin getötet hat, Suizid begangen haben, weil sie mit der Schande und dem Hass, der über sie hereinbrach, nicht mehr leben konnten. Ob die Berichterstattung dazu beigetragen hat, oder in einem Ort oder Stadtteil das auch so ohnehin jeder wüsste, kann ich nicht beurteilen. Ich habe keine Stimme gehört oder gelesen, die die Ansicht geäußert hätte, dass eventuell die volle Namensnennung plus Foto eines Täters ein Problem für dessen Angehörige sein könnten. Der Suizid ging ebenso als tragisches Ereignis in die Berichterstattung ein, wie davor der Mord an der Frau.
Gefühle – darüber reden oder schweigen?
Inzwischen überlege ich mir, ob hinter der Zurückhaltung der österreichischen und deutschen Medien nicht doch mehr steckt, als vorgegeben wird. Ob man sich nicht scheut, Emotionen zuzulassen oder gar zu schüren, ob man Angst hat, nicht den richtigen Ton zu treffen, oder ob es nicht vielleicht sogar so ist, dass man eben eher nicht über diese Emotionen spricht. Angehörige in ihrer Trauer und ihrem Leid nicht zu stören, heißt eben auch, sie mit diesem Leid allein zu lassen. Und das geschieht auch im Privaten. Ich selbst habe erlebt, wie nach dem Suizid meines Sohnes vor nun beinahe 20 Jahren, sich manche Freunde zurückgezogen haben (ich hatte zum Glück auch Menschen, die geblieben sind, und mich durch diese Zeit begleitet haben). Und geht es uns nicht selbst oft so, wenn jemand von einem Schicksalsschlag getroffen wird, dass wir überlegen, sollen wir hingehen, sollen wir anrufen, oder nicht, was sollen wir sagen, stören wir vielleicht? Und dann lassen wir es lieber?
Im Grunde gibt es, so scheint es mir, in Österreich und Deutschland einen Konsens zumindest der seriösen Medien, die Berichterstattung über diese Themen möglichst kurz und sachlich zu halten. Als Florian Klenk ausscherte und einen lange Reportage über den assistierten Suizid eines österreichischen Autors und Journalisten – auf dessen eigenen Wunsch – brachte, gab es heftige Kritik. Ich frage mich warum, es gab eine neues Gesetz dazu, es ist ein Thema, das sicher viele Menschen beschäftigt, was liegt näher, als darüber öffentlich zu reden? Vielleicht wollen wir alle eher nichts über Krankheit und Tod hören? Vielleicht ist es das?
Wenn die ganze Stadt darüber spricht
Es gibt in RAI Radio 3 eine Radiosendung in dem Zusammenhang, die ich wirklich als Best Practice sehen würde. Sie heißt „Tutta la città ne parla“ (Die ganze Stadt spricht darüber). Davor, jeden Tag um 7 Uhr früh, gibt es die Sendung „Prima pagina“, Seite 1, in der ein Querschnitt der Meldungen der aktuellen Tageszeitungen vorgestellt wird. Anschließend können Hörer*innen anrufen und ihre Meinungen und Erfahrungen teilen, erklären, welche Meldungen aus ihrer Sicht besonders wichtig sind, welche Perspektiven vielleicht fehlen. Und immer wieder passiert es, dass Menschen Themen ansprechen und meinen, darüber sei schon länger nicht mehr geschrieben worden, dabei sei das immer noch ein relevantes Problem. Zu den Themen gehören neben vielen anderen, immer wieder auch Morde, Überfälle oder Terroranschläge, manchmal auch Unfälle, in die junge Menschen verwickelt sind, die die Zuhörer*innen offensichtlich sehr beschäftigen.
Für die Sendung „Tutta la città ne parla“ zwei Stunden später wählen die Sendungsmacher*innen eines der Themen der Hörer*innen aus und laden Expert*innen ein, aber auch Betroffene oder, bei Bedarf, Aktivist*innen, die dazu aus verschiedenen Perspektiven Stellung nehmen. Natürlich sind die Themen nicht repräsentativ für die italienische Bevölkerung, die Zuhörerschaft von Radio 3 dürfte etwa mit der von Ö1 vergleichbar sein. Und dann sind es noch die Sendungsmacher*innen, die letztlich aus den vielen Anrufen ein Thema auswählen. Mir gefällt aber diese Art, mit dem Bedürfnis der Menschen, nach mehr Information umzugehen, und auch nach Ursachen und Antworten auf bestimmte Fragen zu suchen. Diese kritische, sachliche und mehrperspektivische Auseinandersetzung mit emotional hoch besetzten Themen öffentlich zu machen, ist sicher besser, als sie dem Stammtisch und den Social Media zu überlassen.
Eine Gesellschaft, in der Emotionen viel offener zur Schau gestellt werden, geht vielleicht auch mit den nicht so schönen Emotionen offener um? Vielleicht ist diese Kultur in Italien einfach anders, da werden Entsetzen, Trauer und Schmerz geteilt, gemeinsam getragen. Eine derartige Berichterstattung kann möglicherweise Angehörige auch stützen, ihnen zeigen, dass man sie nicht allein lässt. Grundsätzlich finde ich es inzwischen besser, darüber zu reden als zu schweigen, über das Ausmaß lässt sich natürlich streiten. Die Frage ist, was sind denn die Kriterien für „besser“? Oder gibt es überhaupt ein allgemeingültige Antwort darauf?
Gibt es die „richtige“ Antwort?
Dazu habe ich mir angeschaut, ob denn die statistischen Daten in Österreich und in Italien darüber Auskunft geben. Als erstes habe ich festgestellt, dass die Suizidrate im Verhältnis zur Einwohnerzahl in Österreich etwa doppelt so hoch ist, wie in Italien. Das sagt natürlich noch nicht viel, wir wissen ja nicht, ob sie noch höher wäre, wenn mehr und offener darüber geredet und geschrieben würde. Anderseits scheint der offene Umgang in Italien zumindest nicht zu schaden.
Dann hab ich mir das mit den Feminiziden angeschaut. In beiden Länder schwanken die Zahlen, aber ohne eine klare Aufwärts- oder Abwärtsrichtung aufzuweisen. Wenn man aus den wenigen Jahren einen Trend ablesen möchte, weist er eher nach unten.

In Österreich gab es einen Tiefstand mit 15 Feminiziden 2025, dieses Jahr war diese Zahl schon um die Jahresmitte erreicht, also kein Abwärtstrend in Sicht. Wenn der Trend für 2026 in Italien anhält, würde das hingegen einen deutlichen Rückgang gegenüber den Vorjahren bedeuten.
In Österreich hat grundsätzlich seit 1970 die Zahl der Tötungsdelikte kontinuierlich abgenommen, wie die Grafik unten zeigt. Die Mordrate liegt derzeit etwa bei 0,5 pro 100.000 Einwohner (das ist auch der Maßstab auf der y-Achse, den man leider auf dem Screenshot nicht sieht), was europaweit eine der niedrigsten ist. Die Zahl der weiblichen Mordopfer allerdings ist seit etwa 2000 ziemlich konstant geblieben und hat in den letzten Jahren die Zahl der getöteten Männer übertroffen.

Wenn man berücksichtigt, dass die Einwohnerzahl von Italien etwa sechsmal so groß ist wie die von Österreich, sind auch die Größenordnungen vergleichbar. In Anbetracht der exzessiven Berichterstattung in Italien scheint mir, dass das keine entscheidenden Auswirkungen in Bezug auf Nachahmung hat. Auch in Österreich ist keine Tendenz dadurch festzustellen, dass nur knapp berichtet wird. Das Argument, Nachahmungshandlungen verhindern zu wollen scheint mir statistisch nicht belegbar.
Der einzige Bereich, in dem Täter oft ganz bewusst andere Täter zum Vorbild nehmen sind schoolshootings, also die Vorfälle, wo junge Männer (ich habe tatsächlich noch von keiner Frau gehört) in ihre aktuellen oder früheren Schulen gehen und dort ein Blutbad anrichten. Allerdings glaube ich nicht, dass diese jungen Männer sich über den Corriere della Sera, den Standard oder den Falter informieren, sondern eher über Social Media und online-Medien, wo ja sowieso eigene Regeln gelten, und sicher keine Zurückhaltung.
Das Argument des Persönlichkeitsschutzes hingegen halte ich für relevant, ich weiß nicht, wie sinnvoll es ist, bei allen für die Öffentlichkeit interessanten Vorkommnissen immer den vollen Namen auch von Privatpersonen anzuführen. Ich kann mir vorstellen, dass es in Österreich Protest dagegen gäbe. In Italien habe ich noch von niemandem gehört, dass er das störend fände. Auch das ist vermutlich eine Gewöhnungssache.
Was bleibt ist wirklich eher eine Frage der Mentalität, wie umgehen mit Emotionen, wie über Gewalt und Sterben reden, was ist auch im Sinne der Betroffenen? Und was diesbezüglich „besser“ ist, kommt dann eben sehr auf die jeweilige Gesellschaft an. Für mich hätte ich lieber, wenn über meinen gewaltsamen Tod berichtet würde, als wenn er „totgeschwiegen“ würde – hoffe aber natürlich, dass das nie eintreten wird. Und nein, wenn ich eines natürlichen Todes im Bett sterbe, brauche ich keinen öffentlichen Nachruf :).
Eines jedenfalls könnten sich die italienischen Medien von Österreich abschauen: immer wenn es dort um Suizid oder Gewalt gegen Frauen geht, werden am Ende des Artikels Organisationen und Kontaktadressen angeführt, an die man sich im Fall des Falles wenden kann. Diese Organisationen gibt es in Italien auch, darauf hingewiesen wird aus meiner Sicht viel zu selten, in den entsprechenden Zeitungsartikeln habe ich es noch nie gesehen, fände es aber wünschenswert.