Eine neue politische Gruppierung ist in Italien entstanden, die sich von der ohnehin schon rechten Lega abgespalten hat und bei den Wahlen 2027 antreten will: Futuro Nazionale. Ihr Gründer und Sprachrohr ist Roberto Vannacci, derzeit noch Abgeordneter im europäischen Parlament, in das er als Kandidat der Lega, aus der er inzwischen ausgetreten ist, gewählt wurde. Die Ausrichtung der Partei ist rechtsextrem, identitär, ähnlich der AfD oder den österreichischen Identitären. Insofern eine Entwicklung wie sie auch in anderen europäischen Ländern stattfindet, mit ähnlicher ideologischer und programmatischer Ausrichtung.
Zurück in die Zukunft
Bemerkenswert vielleicht ein Aspekt: es handelt sich um ein „MIGA“ Programm – Make Italy Great Again. Und da fragt mensch sich natürlich, ohne den Italiener*innen zu nahe treten zu wollen, wann denn Italien wirklich „groß“ war. Und tatsächlich muss die Partei weit zurück gehen, um ihre Ideale zu finden: Das römische Reich, die griechische Philosophie und das Christentum. Im Programm heißt es ausdrücklich, es gelte
den Weg einzuschlagen, um schnell und ohne Einschränkungen wieder ein Land zu werden, das von Identität geprägt, souverän, sicher, frei und wohlhabend ist.
So die deepl Übersetzung, die zwar grammatikalisch richtig und elegant ist, aber nicht so entlarvend wie das im italienischen Original verwendete Wort „tornare“, das ausdrückliclh „zurückgehen“, oder „zurückkehren“ bedeutet, in ein Land, das es so natürlich nie gegeben hat. Und man will immerhin fast 2000 Jahre zurück, doch erstaunlich für eine Partei, die das Wort „Futuro“ = Zukunft im Namen führt. Zurück in die Zukunft? Aber auch das gilt wohl für alle diese rechtsextremen Parteien. Das wäre noch kein Grund, dass ich sofort darüber schreiben müsste.
Was für mich wirklich überraschend war ist der wörtliche Rückgriff aufs Patriarchat, und zwar in seiner mediterranen Form, was immer das ist. Die Gesellschaftsordnung der Zukunft, die Vannacci vorschwebt, ist das „patriarcato mediterraneo“. Jetzt kennen wir natürlich das Frauenbild solcher Parteien, ich habe aber noch nie gehört, dass eine sich ausdrücklich zum Patriarchat bekennt und dieses verteidigen oder sogar erneuern will. Das ist wohl der Tatsache geschuldet, dass in den letzten Jahren dieser Begriff auch verstärkt in feministischen Diskursen aufgetaucht ist, natürlich nicht positiv besetzt. Es war auch eines der Themen, mit denen ich mich im letzten Jahr beschäftigt habe, und auch schon einen Text geplant hatte. Und nun hat mich die Rechte überholt, peinlich … Vannacci hat hier schnell reagiert, die Diskussion aufgegriffen, auch die Diskussion um Femizide, und in seinem Sinn gedreht. Strategisch nicht schlecht, das muss man ihm lassen. Kaum hatten wir uns gedacht, ein neues Thema aufzumachen, in dem wir die Themenführerschaft übernehmen könnten, sind wir schon wieder in der Defensive.
Warum auf einmal Patriarchat?
Der Patriarchatstext wird trotzdem kommen, er ist schon in der Pipeline, eventuell auch ein zweiter. Aus Gründen der Aktualität will ich aber jetzt schon zum Patriarchat in Vannaccis Parteiprogramm Stellung nehmen. Daher nur eine kurze Einführung, mehr dann demnächst hier. Also, warum ist denn überhaupt das Konzept des Patriarchats gerade so attraktiv?
Wenn nach vielen Jahren feministischer Kämpfe, erfolgreicher Gleichstellungspolitik – zumindest auf dem Papier –, nachdem wir etwa hier in Orvieto eine Bürgermeisterin, eine Regionspräsidentin und eine Ministerpräsidentin haben (Mission erfüllt, meinen manche Männer, Feminismus brauchen wir nicht mehr), immer noch der Großteil der Care-Tätigkeiten von Frauen erledigt wird, Frauen noch immer weniger verdienen, weiterhin sexueller Gewalt bis hin zum Femizid ausgesetzt sind, und wir in den letzten Jahren immer wieder schockierende Enthüllungen über Facebookgruppen mit hunderten Männern über die Vergewaltigung ihrer Ehefrauen(!) erlebt haben, muss etwas falsch gelaufen sein. Etwas haben wir übersehen. Und da kommt das Patriarchat ins Spiel.
Wenn wir von Patriarchat reden, reden wir nicht über Männer, es bedeutet nicht, alle Männer sind schlecht, alle Frauen sind gut. Mit Patriarchat meinen wir Strukturen, die seit mehreren 1000 Jahren bestehen und in denen wir alle sozialisiert sind, Frauen und Männer, und die auch Männern schaden. Weil aber in diesen Strukturen systematisch Männer privilegiert sind, auch wenn das nicht auf alle Männer zutrifft, fällt es ihnen nicht auf, bzw wird häufig als eine „natürliche“ Ordnung gesehen. Frauen, die in diesen Strukturen nach oben kommen, müssen noch „besser“ sein als Männern, die patriarchale Ordnung noch mehr verinnerlicht haben, daher ändert es auch nichts, wenn wir eine weibliche Ministerpräsidentin haben.
Als Alternative zum Patriarchat wird häufig das Matriarchat angeführt, dass dann mit „Herrschaft der Frauen“ übersetzt wird, was auch nicht besser wäre. Tatsächlich bedeutet die griechische Wurzel „arche“ nicht nur Herrschaft, sondern auch eben Arche, Anfang. Häufig spricht man aber nicht vom Matriarchat, sondern von mutterzentrierten oder matrilinearen Gesellschaften, in denen es flachere Hierarchien gibt und ein bedürfnisorientiertes Wirtschaftssystem. Soweit fürs erste zur Einführung, nun zurück zum Parteiprogramm.

Femizide gibt es nicht?
Abgesehen davon, dass die „natürliche Familie“ mit Vater, Mutter, Kindern (möglichst vielen) als Basis der Gesellschaft verstanden wird, taucht das Thema Patriarchat vor allem im Kapitel zur Justiz auf und beginnt mit Femiziden, die es laut Vannacci nicht gibt. Das Gesetz müsse für alle gleich sein,
eine Straftat ist nicht mehr oder weniger schwerwiegend aufgrund des Geschlechts, des Einkommens, der Hautfarbe oder der sexuellen Orientierung desjenigen, der sie begeht oder der sie erleidet.
Begriffe wie Femizid oder Homophobie hätten daher in einer Rechtssprechung nichts verloren, sie entsprängen einer Ideologie. Eine Frau ist ein Mensch und da alle Menschen gleich viel wert sind, sei auch ein Mord an einer Frau einfach ein Mord. Es gehe nicht an, Opfer in verschiedene Kategorien einzuteilen, die ihnen mehr oder weniger Wert zuschreiben. Es folgt die Frage:
Sollte das Töten aus Neid, Zorn, Geiz, Wollust oder Hochmut weniger schwerwiegend sein als das Töten aus Eifersucht, Kontrollbedürfnis, Besitzgier oder Ähnlichem?
Ein Mord sei ein Mord, egal aus welchem Motiv. Ich habe diese Festellung auch schon von Männern gehört, die ein durchaus progressives Frauenbild vertreten und an sich solidarisch sind. Und es ist auch nicht auf den ersten Blick ersichtlich, warum es ein Unterschied ist, ob ein Mann oder eine Frau ermordet wird. Es sollte uns allerdings schon zu denken geben, wenn in Österreich, wo die Mordrate ohnehin eine der niedrigsten in Europa ist, inzwischen mehr Frauen als Männer ermordet werden (siehe letzter Beitrag). Was also ist das Besondere am Femizid? Die Definition der österreichischen Frauenhäuser lautet:
Der Begriff Femizid bezeichnet die Tötung von Frauen und Mädchen, aufgrund ihres Geschlechts.
Er macht sichtbar, dass viele Tötungsdelikte an Frauen nicht zufällig geschehen, sondern Ausdruck struktureller Ungleichheit, patriarchaler Machtverhältnisse und geschlechtsspezifischer Gewalt sind. Femizide gehören daher zu den Hassverbrechen.
Wenn ein Mann eine Frau aus „Kontrollbedürfnis oder Besitzgier“ tötet, heißt das, dass er ein menschliches Wesen besitzen und vollkommen kontrollieren will, das ist nicht das gleiche, wie wenn man aus Besitzgier eine Bank überfällt, und dabei als Kollateralschaden jemanden umbringt. Es ist die Sozialisation in einer patriarchalen Gesellschaft, die Männer überhaupt auf die Idee kommen lässt, sie könnten eine Frau besitzen, ja sie hätten sogar ein Recht darauf, und dann müssten sie sie auch kontrollieren. Diese Vorstellung, dass eine Frau dem Mann zur Verfügung zu stehen hat, und wenn sie das nicht tut, stellt das die ultimative Kränkung der Männlichkeit dar, ist eine Pathologie des Patriarchats.
Die nächste Frage ist vollends absurd:
Wenn eine Frau mit lesbischen Neigungen ihre ehemalige Lebensgefährtin aus Eifersucht tötet, ist das dann ein Femizid? Wenn eine Frau mit lesbischen Neigungen eine Frau mit heterosexuellen Neigungen tötet, die sich ihr nicht hingeben will, ist das ein Femizid?
Tatsächlich töten auch Frauen aus Eifersucht, allerdings habe ich noch nie von einer lesbischen Frau gehört, die meinte, sie hätte einen Besitzanspruch oder ein Recht auf eine Frau. Dieses Vorrecht, andere besitzen und kontrollieren zu können, Männern zuzuschreiben, ist eben genau ein Erbe patriarchaler Strukturen, das in Bezug auf das Gesetz lange überwunden ist, in manchen Köpfen jedoch weiter lebt.
Patriarchat als Lösung
Die Morde an Frauen sind jedoch durchaus auch ein Thema, das Vannacci beschäftigt, und gegen das er etwas unternehmen will. Futuro nazionale verteidige das Leben der Frau, weil sie ein menschliches Wesen ist (welche Erkenntnis!), und die Partei grundsätzlich das Leben verteidige (auch das ungeborene, vor allem das italienische ungeborene). Erstens ist da natürlich die Remigration zu nennen, sind erst einmal alle Ausländer weg, ist das Problem schon halb gelöst. Der zweite Schritt sei die Prävention von „Verbrechen aus Leidenschaft“. Und jetzt kommt es endlich, das gute Patriarchat.
Neben einer grundsätzlichen Verschärfung des Strafrechtes in allen Bereichen und der Wiederdurchsetzung von Recht und Ordnung, gehe es vor allem darum, eine fehlgeleitete Erziehung zu korrigieren:
Das Erziehungsmodell der Linken, das auf der Ideologie des ständigen ‚Kampfes gegen das Patriarchat‘ basiert, ist offensichtlich gescheitert, und dort, wo jede Spur der ‚patriarchalischen Gesellschaft‘ verschwindet, breitet sich eine besorgniserregende Zunahme der Gewalt gegen Frauen aus.
Echt jetzt – weil das Patriarchat geschwächt wird, nimmt die Gewalt gegen Frauen zu?? Woher weiß er das? Alle kulturanthropologischen Feldstudien zeigen, dass in matrilinearen Gesellschaften Gewalt viel seltener ist, als in patriarchalen. Das auch deshalb, weil die soziale Ungleichheit geringer ist, und es dort auch Männern besser geht, auch dazu mehr an anderer Stelle.
Vannacci ist da allerdings anderer Meinung, er meint,
dass wir unser Modell schützen und nicht kriminalisieren sollten: das Modell des ‚mediterranen Patriarchats‘, das darauf abzielt, … starke Männer heranzubilden, die in der Lage sind, ihre Emotionen und Leidenschaften zu beherrschen, Frauen zu beschützen und sich für den Aufbau und die Verteidigung der Gesellschaft einzusetzen.
Was für ein Glück, dass es endlich wieder starke Männer geben wird, die die Frauen beschützen – vermutlich um den Preis, dass diese wieder brav und unterwürfig werden, und viele Kinder gebären, um die italienische Nation vor dem Aussterben zu bewahren (kommt an anderer Stelle im Parteiprogramm vor). Und beschützen – vor wem eigentlich? Vor den eigenen Partnern und Ehemännern, Vätern und Brüdern, wo doch fast alle Femizide innerhalb von Familie oder Beziehungen passieren? So kann man es drehen, dass die Ursache eines Problems zu seiner Behebung diesen soll! Das behauptet sonst nur noch die Homöopathie, leider tritt das Patriarchat nicht in homöopathischen Dosen auf. Nein, danke, liebe Männer, auf diesen Trick fallen wir nicht rein, wir wollen in einer Gesellschaft leben, in der unser Leben nicht bedroht ist, und wir keine starken Männer zu unserem Schutz brauchen – eher machen wir einen Selbstverteidigungskurs!
Für diejenigen, die der italienischen Sprache mächtig sind:
Hier gibt es das Parteiprogramm – Achtung, ist über 100 Seiten lang, und nein, ich habe nicht alles gelesen.
Hier einen Artikel, der sich speziell mit dem Teil zum Patriarchat auseinandersetzt.
Und weil das Programm immer wieder auf den Katholizismus als wichtige Basis der idealen Gesellschaft herangezogen wird, verwahrt sich die katholische Zeitung Famiglia Cristiana gegen diese Vereinnahmung, und erklärt, dass das Patriarchat nicht die christliche Familie repräsentiert.
Alle Übersetzungen deepl.com