Bücher zu Krieg, Frieden und Palästina
Derzeit finden sich hier schwerpunktmäßig Bücher zur Situation Israel-Palästina, weil mich dieses Thema in den letzten Jahren sehr beschäftigt hat. Dazu jeweils eine kurze Beschreibung dessen, was ich für mich aus diesen Büchern mitgenommen habe.
Deutsche Bücher
Hannah Arendt: Vorträge und Aufsätze 1941 – 1950
Piper
Die Überraschung! Ich wollte eigentlich nur irgend etwas von Hannah Arendt lesen, wenn möglich nicht auf italienisch. Als e-Book gab es nur dieses eine, und die Überraschung war, dass es genau zu dem Thema passte, das mich ohnehin umtrieb. Daraus habe ich gelernt, dass Arendt eine überzeugte Zionistin war, dass es damals eine Gruppe von progressiven Zionist*innen in den USA gab, die – zumindest auf theoretischer Ebene – eine große Rolle gespielt haben, für das, was in Palästina passierte. Arendt hat zB stark für die Notwendigkeit plädiert, dass es eine eigene jüdische Armee geben müsste, die gegen Hitler kämpft. Der andere erstaunliche Aspekt war, dass es diesen Menschen, obwohl sie es für unhinterfragbar hielten, dass die Juden als Nation ihr eigenes Land in Palästina haben mussten, klar war, dass das nur gemeinsam mit den bereits dort wohnenden Menschen gehen kann. Arendt schreibt damals, dass sowohl eine Einstaaten- als auch eine Zweistaatenlösung nicht funktionieren könne. Sie schlägt eine Konföderation vor, etwas, wovon heute niemand mehr spricht – außer Özalan. Schade, dass dieser progressive Zionismus offenbar nicht überlebt hat …
Pankaj Mishra: Die Welt nach Gaza
S. Fischer Verlag 2025
War für mich ein Augenöffner. Ein indischer Historiker schaut von außen auf die Geschehnisse im 20. Jh. in Europa und eröffnet total neue Blickwinkel. Und er beschreibt, dass die postkoloniale Theorie, die ich schon lange aus akademischen Diskursen kannte, inzwischen voll und ganz in den sozialen Bewegungen des globalen Südens angekommen ist, als Basis der Bewegungspraxis. Und hier habe ich zum ersten Mal gelesen, dass der palästinensische Überfall vom 7. Oktober dieses Narrativ massiv gestärkt und zur Verbreitung beigetragen hat.
Arn Strohmeyer: Falsche Loyalitäten. Israel, der Holocaust und die deutsche Erinnerungspolitik
Promedia 2022
Daraus habe ich viel gelernt wie Israel entstanden ist. Besonders interessant war für mich: die Zionisten wollten die Holocaust-Überlebenden erst nicht aufnehmen, weil sie nicht in die Rolle der gesunden, starken, mutigen Pioniere passten. Erst als sie verstanden haben, dass die Shoa, und damit auch die Aufnahme der Opfer, die Existenz des Staates Israel legitimiert, sind sie darauf aufgesprungen. Erst nach dem 2. Weltkrieg entstand die Vorstellung, dass das Existenzrecht Israels auf der erlittenen Verfolgung beruht. Was der Autor so interpretiert, dass deshalb diese Opferrolle aufrecht erhalten werden muss, und dieser Sonderstatus der Shoa als „größtem Verbrechen der Geschichte“.
Charlotte Wiedemann: Den Schmerz der Anderen begreifen. Holocaust und Weltgedächtnis.
Ullstein Verlag 2022
Schon länger sehe ich, dass Menschen aus dem globalen Süden, zB aus Afrika, nicht mehr bereit sind, den Holocaust als das größte Menschheitsverbrechen zu akzeptieren, in dem Sinn, dass es nicht legitim ist, die kolonialen Verbrechen, die an ihnen begangen wurden, damit auch nur zu vergleichen. Auch der Eklat um die Dokumenta in Kassel ist da einzureihen. Und dafür habe ich großes Verständnis. Das Buch von Charlotte Wiedemann hat mir klar gezeigt, dass es das eine große Verbrechen nicht gibt, dass es legitim ist, den eigenen Schmerz als den in der eigenen Geschichte wichtigsten zu sehen, ohne deshalb den Schmerz anderer abzuwerten.
Amir Tibon: Die Tore von Gaza. Eine Geschichte von Terror, Tod, Überleben und Hoffnung.
Suhrkamp 2024
Amir Tibon ist ein israelischer Journalist, der unter anderem für die Tagsezeitung Haaretz arbeitet, gegen die Regierung und für einen Frieden mit Palästina ist. Er hat aber auch in einem der Kibbuzim gewohnt, die am 7. Oktober überfallen wurden. Der Bericht dieser Erfahrung ist ein Teil des Buches, ohne dabei sich selbst als Opfer und die Palästinenser pauschal als Terroristen zu zeichnen. Der andere Teil ist eine fundierte Beschreibung der politischen Situation in Israel, unter anderem die klare Aussage, dass es unter Netanjahu keine Staat Palästina geben wird. Diese Kombination ist der große Wert des Buches, das mir außerdem dazu verholfen hat, die Situation der in Israel lebenden Menschen, und besonders die der Regierungsgegner*innen, besser zu verstehen.
Lavie Tidhar: Adama
Suhrkamp 2025
Es handelt sich um einen Roman, der sogar als Thriller bezeichnet wird, der im Jahr 1946 in einem Kibbuz spielt. Er zeigt einerseits sehr gut, die Härte gegen sich selbst und andere, die diese Kultur prägte, ich fand aber andere Aspekte interessanter, die mich sehr an das heutige Geschehen mit umgekehrten Vorzeichen erinnert. Zu dieser Zeit war Palästina noch britisches Mandatsgebiet, und in dem Buch wird zum Beispiel beschrieben, wie die Engländer Schiffe mit Menschen aus KZs, die nach Israel wollen, weil sie keinen Ort zum Leben mehr in Europa haben, abfangen und nach Zypern in Lager bringen. Oder, dass die Juden Waffen ins Land schmuggeln, um gegen die Engländer zu kämpfen, diese im Kibbuz verstecken, der dann von den Engländern überfallen wird. Alles Situationen, wie sie heute am gleichen Ort wieder geschehen, nur die Rollen wurden vertauscht.
Englische Bücher
Daniel Sokatch: Can We Talk about Israel? A Guide for the Curious, Confused, and Conflicted
Bloomsbury 2025
Italienische Bücher
Ritorno a Gaza. Scritti di donne italo palestinesi sul genocidio. A cura di Mjriam Abu Samra. Edizioni Q 2025
Dieses Buch zeigt was es heißt, dieses Narrativ in die Praxis umzusetzen und hat meine Hirnwindungen ziemlich in Aufregung versetzt, ich hab vieles in meinem Kopf auf einmal nicht mehr zusammengebracht.
Alle Beiträge im Buch basieren auf postkolonialen feministischen Diskursen und beziehen sich auf das Konzept des Orientalismus von Edward Said der, was mir nicht bewusst war – auch Palästinenser ist.
Storia di un abito inglese e di una mucca ebrea
Roman aus der Zeit der Nakba, zeigt, dass der Staat Israel vom ersten Tag seines Bestehens sich nicht an die von der UNO festgelegten Grenzen gehalten hat und das auch nie geleugnet hat. Die Palästinenser wurden aus ihren Häusern und von ihren Grundstücken vertrieben, diese von Israelis angeeignet, nach einem System, das sehr an die Arisierungen der Nazi-Zeit erinnert. Wenn die Geflüchteten später zurückkommen, bekommen sie ihre Häuser nicht mehr zurück, weil das israelische Recht sie als „abwesend“ registriert und damit ihre Besitzansprüche verfallen.
Quando il mondo dorme